26.04.17

the move pt. 1

24.4.2017;

Ich zerre meine zwei völlig überladenen Koffer Richtung Wohnungstür, unterwegs nehme ich den ein oder anderen Schuh mit - ich hinterlasse eine kleine Schneise der Verwüstung, ich halte inne und betrachte das Chaos. Mein Magen ist schon seit gestern Abend irgendwie schwer und macht, das meine Beine bleiern werden. Ich schlucke, mein Hals tut weh, ich sage mir, es kommt von der noch anhaltenden Erkältung, eigentlich weiß ich aber, dass es mir einfach schwer fällt zu gehen.

Ich stürme ins Schlafzimmer um mich von A. zu verabschieden, minutenlang sitze ich auf der Bettkante und kann mich einfach nicht losreißen. "Wir müssen ja keinen großen Abschied daraus machen, im Grund genommen ändert sich ja nicht viel" sagt A. als er merkt, wie schwer es mir fällt. "Recht hat er ja", denke ich, gebe ihm noch einen Kuss und stapfe davon.

Nachdem ich mich mit meinen 40kg Gepäck vom vierten Stock unseres aufzuglosen Altbaus nach unten gekämpft habe, bin ich schweißüberströmt und bereits völlig am Ende meiner Kräfte. Entgegen meiner guten Vorsätze zücke ich das Handy und bestelle mir ein Taxi. Der Gedanke, diese beiden Koffer noch zwei weitere Male die Treppen zur U Bahn rauf und runter zu tragen, verdrängt die Stimme in meinem Kopf, die mich daran erinnert, dass ich ja eigentlich Geld sparen wollte.

Das Taxi kommt, der Fahrer wuchtet meine Koffer ins Auto, schnauft dabei auffällig laut und wischt sich heimlich die Stirn. "Wo wolln'se die beeden Dinger denn hinvaschiff'n?" fragt er, als wir beide im Wagen sitzen. "Schönefeld", krächze ich und er fährt los. Auf der Fahrt brabbelt er mich voll, er mustert mich im Rückspiegel und erwartet zu jeder Geschichte einen Kommentar. Es ist 7.04 Uhr am Morgen und ich frage mich, ob er nicht endlich mal mitbekommt, dass meine Stimme gar nicht in der Lage ist, ausschweifende Kommentare abzugeben. Immerhin, er fährt so, dass mir nicht übel wird.

Etwas 25 Minuten später stehe ich mit meinen zwei Koffern vorm Terminal, die Sonne scheint und als ich per App das Taxi zahle, fällt mir auf, dass der Flug mich in etwa genauso viel gekostet hat. "Naja", denke ich, "immerhin muss ich erst wieder in London ans Schleppen denken."

Das nicht geplante Taxifahren ließ mich unerwartet früh am Flughafen sein, aus Mangel an Ideen und Entertainmentmöglichkeiten außerhalb des Sicherheitsbereichs in Schönefeld, stelle ich mich einfach mit meinen Koffern vor die Anzeige, auf der ich penibel beobachten will, wann das graue Feld bei meinem Flug in eines mit Schrift und der Aufforderung, sich zum Check In zu begeben, umgewandelt wird. Ich warte noch nicht lange, als plötzlich ein Mitarbeiter des Bodenpersonals vor mir steht: "You look like you're going to Luton", stellt er fest und ich antworte nur perplex mit einem simplen "Yes.". Mir ist immernoch nicht klar woran genau er das jetzt festgemacht hat und vor allem warum er auf mich zu kam, ich will mich jedoch nicht beklagen, denn es hatte zur Folge, dass der Flug vorab für mich geöffnet wurde, damit "you don't have to wait", wie er so schön sagte.

Bei der Sicherheitskontrolle verläuft alles wie gewohnt, ich piepse beim Durchlaufen, mein Koffer und meine Kleidung werden auf Sprengstoff getestet, aber es wundert sich niemand über meine 27 Lippenstifte im Handgepäck. Nach dieser gewohnten Prozedur lasse ich mich auf dem Boden vorm Burger King nieder, überlege, was ich jetzt mit meiner Zeit anfangen soll und erinnere mich, dass ich ja eventuell wieder ein bisschen auf meinem Blog schreiben wollte. Ich öffne meinen Laptop und rufe blogger.com auf, nach der Eingabe meiner Mailadresse komme ich nicht weiter. "Wie war denn dieses blöde Passwort?!", denke ich und gebe nach einigen Versuchen auf. Ich klicke auf 'Passwort vergessen' und lasse die nervige Prozedur über mich ergehen. Immerhin - ich bin wieder drin, in meinem alten, völlig eingestaubten Blogger Account.

Da sitze ich, fange vorsichtig an, die ersten Wörter zu tippen, bald fällt es mir leichter und es tippt sich so vor sich hin. Als ich grad denke, dass es eigentlich Spaß macht, erscheint "It's time to go - please make your way to gate 58" auf meinem Handy und ich packe meinen Laptop ein, verstecke meine Handtasche unter meinem Mantel und mache mich, dem Rat der App folgend,  auf den Weg. Beim Boarding habe ich in zweierlei Hinsicht Glück - es fällt niemandem auf, dass ich ein zusätzliches Handgepäck mit reinschmuggle und ich bin früh genug im Flieger, um meinen Koffer in einem Overheadlocker an meinem Platz zu verstauen. Leider habe ich einen Sitzplatz in der Mitte und hoffe nur, dass meine beiden Sitznachbarn die stillen Regeln der Sitzplatzverteilung im Flugzeug kennen (und sich daran halten!) - und wieder: ich habe Glück!

Der Flug war erträglich, die Fahrt in die Stadt ebenfalls. Mein Weg von Victoria zu meiner Übergangsunterkunft allerdings weniger; nicht, dass ich schon mit meinen zwei Koffern genug gestraft gewesen wäre - ich verpasste einen Bus, kam in einen fiesen Regenschauer und als ich dann tropfend mit meinem Gepäck drin saß, war irgendwas kaputt und ich musste aus- und umsteigen. Als ich dann irgendwann nach weiteren (typisch London!) Zwischenfällen endlich in Peckham ankomme, bin ich eigentlich schon völlig am Ende. Dabei zeigte die Uhr erst frühen Nachmittag!

Zu viel bin ich nicht mehr in der Lage, aber ich gehe Lebensmittel einkaufen und ein bisschen die Umgebung erkunden, am Abend fahre ich zu meinem allerliebsten Lieblingsbuffet in Camden, welches veganes All u can eat anbietet und fange an zu schaufeln, dass die Reiskörner nach rechts und links vom Teller weghüpfen. "Du bist hungrig", stellt Zorni fest und fängt ebenfalls an zu spachteln. Nach drei geleerten Tellern und mit glühenden Wangen verlassen wir das Lokal, da merke ich, wie mir die Müdigkeit in alle Glieder kriecht. Im Bus auf dem Heimweg bin ich ruhig, ich sage nur ab und an etwas, um nicht direkt einzuschlafen.

Zuhause angekommen, packe ich die Luftmatratze aus, drapiere ein paar Kissen und zwei Decken darauf und krieche darunter. Ich schließe die Augen und als ich ein Stück nach hinten rutsche, spüre ich die kalte Wand im Rücken. "A., du fehlst mir so", denke ich und falle in einen unruhigen Schlaf.


18.05.16

Aus Pink wird Blond.



Zehn Jahre lang habe ich pinkes Haupthaar gehabt. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Genau genommen habe ich (bis auf meine Naturhaarfarbe) keine Haarfarbe so lange gehabt wie das Pink. 

Nun bin ich blond. 

"Warum?" fragen mich alle. "Warum?" - das frage ich mich auch. 

Auf diese Frage gibt es viele Antworten und irgendwie auch keine.

Über die letzten Wochen (oder waren es vielleicht auch Monate?) wuchs heimlich, still und leise
der Wunsch nach einer anderen Haarfarbe in mir heran. Den Auslöser dafür kann ich gar nicht so genau benennen, irgendwann waren die Gedanken einfach da. Und irgendwann waren sie so laut, dass ich sie nicht mehr verdrängen konnte. Und irgendwann habe ich die Entscheidung dann getroffen - ich werde mich vom Pink trennen. Ich kann nicht leugnen, dass ich solche Gedanken im Laufe des letzten Jahrzehnts öfter hatte, aber nie waren sie so stark wie in den letzten Wochen. Zu sagen, ich hätte mich nach Natürlichkeit gesehnt, wäre seltsam, denn wir wissen alle, dass ich nicht der natürlich Typ bin. 

Vielleicht haben mir Kleinigkeiten gefehlt, wie roten Lippenstift zu tragen. Oder nichtschwarze Kleidung. Vielleicht war ich genervt davon, dass mich alle über die Haare definiert haben. Vielleicht fühle ich mich zu alt für bunte Haare. Vielleicht wurde es einfach mal Zeit für eine Veränderung. Vielleicht sind das aber auch alles nur vage Erklärungsversuche. 

Sicher ist - das Pink ist Geschichte. Ob ich blond bleibe? Ich weiß es nicht. Aber ich denke - nein, ich weiß - bunte Haare werden auf meinem Kopf nicht mehr zu finden sein.






20.09.14

thinking about.... growing up


"Das war der Punkt, an dem ich mich zum ersten Mal so richtig erwachsen fühlte." 

Ich denke in letzter Zeit öfter an dieses Gespräch zurück, als wir, auf dem Raucherhof sitzend, über seine Hochzeit reden. (Mein Dozent hat mit 45 geheiratet und sich ab diesem Augenblick erwachsen gefühlt.)

Ab wann ist man "erwachsen"? Gibt es den einen Moment im Leben, in dem man plötzlich das Gefühl hat, man sei gerade "erwachsen" geworden?  Gibt es Menschen, die niemals diesen Moment erleben, in dem sie sich plötzlich ganz und gar "erwachsen" fühlen?

Bin ich "erwachsen"? Wenn ja, seit wann? Wenn nein, ab wann werde ich es sein? Und, "Erwachsensein", was heißt das eigentlich?

Fragen über Fragen, und wer hat denn nun die Antworten?

Wer meinen Woodstock Post aufmerksam gelesen hat, dem wird wohl eine Zeile nicht entgangen sein ("Es gab dieses Woodstock auch einen für mich sehr prägenden Moment, der mit meinem Erwachsenendasein zu tun hat") - und genau davon will ich nun erzählen.

A. und ich saßen abends auf den Sandhügeln unweit unseres Camps, tranken köstliches polnisches Dosenbier und folgten dem Geschehen auf der kleinen Bühne. Wir unterhielten uns darüber, wie sehr sich das Woodstock in den letzten Jahres gewandelt hatte und versuchten, die Ursachen dafür auszumachen. Während A. noch nicht ganz so lange dabei ist wie ich, kann ich auf eine zehnjährige Woodstockgeschichte zurückblicken. Ich war das erste Mal mit 15 dort, alles war völlig ungeplant und chaotisch, ich fuhr mit einem Freund hin, den ich dann vor Ort auch noch verlor, ich hatte kein Geld auf meinem Handy und kannte sonst niemanden dort. Ich hab mich dann das Wochenende alleine durchgeschlagen und es war trotzdem irgendwie so cool, dass ich das Jahr darauf wieder hinfahren wollte. Diesmal mit zwei anderen Freundinnen. Auch damals waren wir nicht gerade gut  vorbereitet und hatten viele essentielle Dinge nicht dabei, Dinge, an die man eben nicht denkt, wenn man jung ist und sich darüber freut, ein kleines Abenteuer fernab von Zuhause und ohne Aufsicht zu erleben. Ich erinnere mich dunkel, dass wir meist zu dritt in einem winzigen Zelt genächtigt haben, und Isomatten, ich bezweifle stark, dass wir so etwas damals dabei hatten. Zwei Schlafsäcke vielleicht, die wir uns zu dritt teilten. Einen Gaskocher, Besteck oder wenigstens Sonnencreme - nichts von alledem hatten wir damals dabei. Bis wir vor einigen Jahren auf die Idee kamen, zumindest einen Pavillon oder wenigstens eine Plane mitzunehmen, haben wir tagelang in der brütenden Sonne geschmort, im strömenden Regen gesessen, jeden Abend zu viel getrunken und gekotzt, und am nächsten Tag trotzdem weitergemacht. Irgendwie hab ich das Gefühl, wir waren in diesem Alter einfach noch etwas resistent, was das Lernen aus Fehlern angeht. 

Über die letzten etwa 4 Jahre, haben wir unser Woodstock mehr und mehr perfektioniert, wir waren noch immer der kleine Kern, der von Beginn an dabei war, es kamen jedoch stetig mehr Leute hinzu, wir fingen wochenlang vorher an zu planen, kauften Pavillons, Lampions, Gaskartuschen, Mückenspray, all diese wichtigen Dinge, die einem das tagelange Campen in freier Natur irgendwie erträglicher machen. Und nach jedem Jahr hatten wir auf der Rückreise das Gefühl, es wäre bisher das beste Woodstock ever gewesen. 

Dieses Gefühl blieb dieses Jahr leider aus. Als wir da saßen, auf diesen Sandhügeln, liess ich all die Woodstock Jahre in meinem Kopf Revue passieren. "Woodstock, das steht irgendwie stellvertretend für meine Jugend" sage ich zu A., der zustimmend nickt. Ich verfalle in einen regelrechten Redefluss, erzähle all die Geschichten von den Woodstocks, auf denen er noch nicht dabei war, und dann die, bei denen er dabei war. Ich muss viel lächeln währenddessen, aber es schwingt eine überwältigende Wehmut mit. "Ich habe das Gefühl, dass meine Jugend in den letzten Tagen hier irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Dieses Woodstock ist so anders als all die Jahre zuvor, dieses hier hat so einen bitteren Beigeschmack." 

Während ich das ausspreche, wird mir klar, dass ich trotz meinem Hang zur Dramatik dieses Mal aber wirklich nicht übertreibe, ich meine es genau so, wie ich es sage. Diese Erkenntnis ist irgendwie niederschmetternd, ich trinke einen großen Schluck Bier und versuche damit den dicken Wehmutskloß in meinem Hals loszuwerden. Wir schweigen eine Weile, halten dabei unsere Hände, beobachten die blinkenden Lichter auf der Bühne und ohne es nochmal auszusprechen, wissen wir beide, dass diese Zeit vorbei ist, Woodstock wird für uns niemals mehr dasselbe sein. Irgendwie sind wir erwachsener geworden.